Yin und Yang

Das Yin-Yang-Symbol

in perfektem
Gleichgewicht

Yin-Überschuss,
Yang-Mangel
Yang-Überschuss,
Yin-Mangel


Wenn alle das Schöne als schön ansehen,
dann gibt es auch das Hässliche.
Wenn alle das Gute als gut ansehen,
dann gibt es auch das Böse.
Sein und Nichtsein erzeugen einander -
Schwer und leicht vollenden einander.
Lang und kurz gestalten einander.
Hoch und tief bedingen einander.
Vorher und Nachher folgen einander.

Tao Te Ching



Westlichen Menschen fällt es oft schwer, die Bedeutung von Yin und Yang zu verstehen. Einer der Gründe ist, dass uns diese Symbolik meistens vor dem Hintergrund der Chinesischen Medizin nahe gebracht wird. Wer nicht mit diesen Grundsätzen vertraut ist, empfindet sie oft als kompliziert und weit hergeholt.

Doch auch bei uns in der westlichen Welt kennt man diese Grundsätze. Sagten nicht unsere Großmütter:" Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus."? Oder: "Was man zur Türe hinaus gibt, kommt zum Fenster wieder herein."? Das sind Gesetzmäßigkeiten, die auf der ganzen Welt gleich sind, sie bedeuten Ausgleich, Harmonie. Wenn wir Harmonie herstellen, bedeutet das, dass Yin und Yang ausgeglichen sind. Helfen wir einem Notleidenden, bekommt der weibliche, gefühlsbezogene Yin-Anteil unserer Seele Nahrung und schafft den notwendigen Ausgleich zu unserer anderen Seite, der drängenden, fordernden, egoistischen Seite unserer Yang-Natur, die in unserer heutigen leistungs- und erfolgsorientierten Welt überbetont ist.

Wer nimmt, muss etwas geben. Das ist ein Naturgesetz. Eine Seele mit Yang-Überhang wird hart, alt und hässlich, und dieser innere Zustand drückt sich irgendwann auch in unserem Äußeren aus. Ein Beispiel aus der Literatur ist die Geschichte vom Bildnis des Dorian Gray, eines jungen Mannes, der skrupellos nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat und dabei gegen alle Gesetze der Menschlichkeit und Fairness verstößt. Eines Tages macht er die schreckliche Entdeckung, dass sich im Spiegel seiner Seele die Physiognomie seines Gesichtes verändert. Sie zeigt harte, grausame Züge, das Gesicht ist nur noch eine abstoßende Fratze. Schließlich stirbt er als hässlicher alter Mann, mit nur 35 Jahren.

Natürlich gibt es auch Fälle, in denen Menschen zu weich sind, deren Yang-Anteile nicht gelebt werden, die sich nicht durchsetzen können, die nicht die Verantwortung für sich selbst übernehmen können oder wollen. Sie nutzen oftmals die Kräfte anderer Menschen aus. Hier geht das Ungleichgewicht in die Yin-Richtung. Das ist ebenso wenig erstrebenswert. Wir sind nur gesund, wenn unsere inneren Kräfte, wenn Yin und Yang in uns ausgeglichen sind. Dieses Prinzip gilt nicht nur für den Menschen, sondern für alles, was auf unserer Erde und im Kosmos existiert.

Bestimmt kennen Sie Menschen, deren Gesichtszüge und deren Haltung ein Ungleichgewicht zwischen den beiden Polaritäten von Yin und Yang zum Ausdruck bringen - in beiden Richtungen. In meiner Shiatsu-Ausbildung haben wir einen Kunstgriff angewendet, mit dessen Hilfe wir den inneren Zustand eines Menschen nachempfinden konnten: Wir haben den Menschen zunächst betrachtet und dann versucht seine Haltung und seinen Gesichtsausdruck möglichst genau zu imitieren. Erstaunlicherweise ist es auf diese Weise möglich, den emotionalen Zustand dieses Menschen zu spüren, und nicht nur das - man spürt im eigenen Körper die jeweiligen Spannungen dieses Menschen und weiß, an welcher Stelle mit der Behandlung anzusetzen ist, wo er Schmerzen hat, wo er Entspannung nötig hat. Man spürt anhand des Meridianverlaufs und des Spannungsmusters, ob dieser Mensch ausgeglichen, zu yang oder zu yin ist. Diesen Kunstgriff wende ich noch heute an, wenn ich mir ein genaueres Bild über jemanden machen möchte. Er fördert das Verständnis für den Zustand des anderen und auch für sein Verhalten.

Es gibt ein sehr einfaches Mittel die Welt zu verändern, zu harmonisieren: Es müssten alle Menschen auf der ganzen Welt bereit sein, das Prinzip von Yin und Yang bewusst in ihr Leben zu integrieren: geben und nehmen, lachen und weinen, arbeiten und entspannen, abschließen und neu beginnen, verzichten und beanspruchen, reduzieren und mehren, versprechen und beweisen, kämpfen und bewahren. Doch auch, wenn nur ein einziger Mensch diese Veränderung in sich geschehen lässt, verändert er die Welt, denn er wird anders an Menschen herangehen, sie werden anders auf ihn reagieren. Vielleicht denken einige von ihnen darüber nach, was da gerade in ihnen vorgeht, und warum - und verändern sich ebenfalls. Es heisst, dass der Flügelschlag eines einzigen Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Orkan auslösen kann... vielleicht kann er damit ein anderes Mal auch einen verhindern? Wer weiß?

Vor kurzem traf ich einen alten Freund wieder, mit dem ich mich vor vielen Jahren sehr gut verstanden hatte. Ich arbeitete damals in der Chefredaktion einer Sportzeitschrift. Er war einer der freien Autoren, die ich betreute. Unsere damalige Beziehung beruhte auf Angriff und Gegenangriff im Sinne von Argument und Gegenargument. Die Spannung in dieser Beziehung bestand im Kräftemessen. Yang gegen Yang. Damals fanden wir beide diese Beziehung aufregend.

Danach hatten wir uns viele Jahre lang aus den Augen verloren. In der Zwischenzeit habe ich mich der Makrobiotik und den Gesetzen von Yin und Yang verschrieben, meinen Heilpraktiker gemacht, bin viel gereist, habe regelmäßig meditiert - mit anderen Worten, ich habe mich mehr und mehr aus dem Kampfbereich dieser Welt zurückgezogen und der Veränderung in mir Raum gegeben.

Vor ein paar Monaten meldete sich dieser alte Freund bei mir, und schon am Telefon fiel mir auf, dass er keine einzige meiner Äußerungen so stehen lassen konnte, wie sie herauskam, er hatte grundsätzlich ein Gegenargument, und er erwartete offensichtlich, dass ich dieses Gegenargument auseinander nahm. Ich erinnere mich gut daran, dass mir genau dieses Spiel vor vielen Jahren eben soviel Spaß gemacht hatte, wie ihm. Doch so spannend ich es vor Jahren fand, so sehr ging es mir jetzt auf die Nerven. Trotzdem traf ich mich mit ihm zum Essen. Ich glaube, er hat sich selten so sehr mit jemandem gelangweilt. Er stellte die wahnwitzigsten Behauptungen auf, nur um mich aus der Reserve zu locken. Und es ärgerte ihn von Minute zu Minute mehr, wenn ich seine Behauptungen einfach so akzeptierte, wenn ich ihm sagte, dass mir das Thema nicht so wichtig sei und ich wirklich kein Interesse an einem Wortgefecht habe. Ich glaube, er ist der Meinung, ich sei alt geworden. Langweilig. Wir haben nie wieder miteinander telefoniert, und ich bin froh darüber. Es war ein anstrengender Abend.

Trotzdem bin ich ihm dankbar, denn er hat mir vor Augen geführt, dass in den vergangenen Jahren eine große Veränderung in mir stattgefunden hat, die ich ganz klar mit meiner makrobiotischen Lebensweise in Zusammenhang bringe, mit dem ständigen Bemühen, die Yin- und Yang-Energien in mir bewusst in Einklang zu halten. Das heisst nicht, dass ich keine Yang-Energien mehr besitze. Im Gegenteil. Wenn es nötig ist zu kämpfen, dann kann ich mein Arsenal immer noch hervorragend einsetzen - sogar besser als in der Vergangenheit. Wenn ich vorangehen muss, wenn ich etwas erreichen will - immer dann habe ich mein Yang zur freien Verfügung, und ich füttere es regelmäßig. Aber ich füttere auch mein Yin.

Wenn ich weiß, dass ich Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen brauche, esse ich ein paar Tage vorher etwas Fisch und mehr yangige Zubereitungsarten als üblich. Und wenn ich weiß, dass ich an einem Meditationskurs teilnehmen möchte, streiche ich diese yangigen Nahrungsmittel und halte mich vorher an Getreide, viel grünes Blattgemüse und Misosuppe, um mich auf ein friedliches Miteinander einzustellen. Wenn ich dann wieder zurückkehre in mein ganz normales Leben, kehre ich auch zurück zu meiner normalen, ausgeglichenen Ernährungsweise, die Yin und Yang in harmonischer Zusammensetzung enthält.

Ich setze meine Kampfkraft nicht mehr übertrieben ein, schon gar nicht zur Attacke, sondern ich greife heute gerne auf meine Yin-Energien zurück. Ich bemühe mich um Austausch, darum, die Realität des anderen zu verstehen, und ihm meine eigene nahe zu bringen. Erst wenn wir einander verstehen, können wir Wege aufeinander zu finden. Damit ist es sehr viel einfacher, Win-Win-Situationen herbeizuführen, die für beide Seiten akzeptabel und zufriedenstellend sind. Warum kämpfen, wenn es einen friedlichen Weg gibt?

Dabei habe ich Freunde verloren, denn für viele Menschen ist eine solche Veränderungen unverständlich, sie macht ihnen Angst. Schließlich wird ihnen an jeder Ecke vor Augen geführt, dass sie nur überleben können, wenn sie kämpfen. Sie finden meine Einstellung exotisch, und es ist für sie zu anstrengend mit mir umzugehen, so wie es bei dem oben erwähnten Freund der Fall war. Aber ich gewinne täglich viele neue Freunde dazu. Menschen, denen harmonische Beziehungen und Gesundheit von Körper und Seele ebenso wichtig sind wie mir, die wie ich den Austausch suchen, nicht den Kampf. Und in einem hat dieser alte Freund sicherlich Recht: Älter geworden bin ich auch. Genau wie er. Nur ist er stehen geblieben, und ich habe Veränderung zugelassen. Yin und Yang. Anpassung. Harmonie. Menschlichkeit. Veränderung. Wachstum.



Wachstum ist nur möglich, wenn du Veränderung zulässt.
Wenn du oben bist, wirst du eines Tages wieder unten sein.
Doch du kannst sicher sein, dass die Fahrt irgendwann wieder nach oben geht.
Die Erfahrungen auf diesem Wege und wie du sie anwendest - das ist Wachstum.

Hier noch einige Grundsätze, die alle auf dem Prinzip von Yin und Yang basieren, und die jeder westliche Mensch verstehen kann:

Wer seine eigenen Interessen durchsetzen will, muss erst die Interessen des anderen verstehen lernen.
Wer Liebe erwartet, muss auch mit Leid rechnen.
Wer sich nicht zurückziehen kann, kann auch nicht nach vorne treten.
Wer Bescheidenheit kennt, darf auch Ansprüche stellen.
Wer auf andere zugeht, löst Furcht aus.
Wer nicht regeneriert, wird nicht wirklich aktiv sein können.
Wer die Tiefen akzeptiert, wird auch Höhen erleben.
Wer bestraft wird, kann lernen zu verzeihen.
Wer vergessen kann, findet neue Gedanken.
Was eine Vorderseite hat, hat auch eine Rückseite.
Wer A sagt, muss auch B sagen.


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